Einleitung
Um die Welt durch die Augen eines Künstlers zu betrachten, der den Raum nicht nur als Fläche, sondern als Bühne begreift und somit seine Malerei besser verstehen zu können, möchte ich Ihnen in mehreren Teilen nun die wichtigsten Aspekte und Annäherungen zur Betrachtung vermitteln.
Darunter die Ausgangsfrage, die den Künstler beschäftigt; seine Ausbildung und Beruf, sein Verhältnis zum Raum, seine Vorbilder und Inspirationsquellen sowie seine bereits unverkennbar eigene Handschrift im Stil einer „figurativen Abstraktion“, die seinen „malerischen Output vom Input der Bühne“ kennzeichnet.
Wenn wir uns in diesem Raum umsehen, begegnet uns eine Malerei, die eine besondere Spannung und Dramaturgie ein- und ausatmet. Das ist kein Zufall.
Daniel Sommergruber ist ein Wanderer zwischen den Welten.
Er ist ebenso leidenschaftlicher Bühnenbildner wie bildender Künstler. Er lernte die Konstruktion des Raumes an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Erich Wonder und Anna Viebrock – und er verfeinerte seinen malerischen Ausdruck in der Meisterklasse von Markus Lüpertz.
Sein malerischer Stil wirkt also zwischen Konstruktion und Geste.
Daniels Werk zeichnet sich durch eine spezifische Verbindung von technischer Präzision und expressiver Freiheit aus, die maßgeblich durch seine Lehrer beeinflusst wurde:
Durch sein Studium bei Erich Wonder und Anna Viebrock begreift er den Bildraum als Bühne. Figuren werden oft in architektonische „Zwischenräume“ oder klar definierte geometrische Strukturen gesetzt, was eine Atmosphäre der Isolation oder Erwartung erzeugt.
Von Lüpertz übernimmt er einen kraftvollen, oft pastosen Farbauftrag und die Auseinandersetzung mit dem Figürlichen. Daniels Stil ist post-expressionistisch geprägt, wobei er das klassische Motiv (den Menschen) durch eine moderne, oft dekonstruierte Linienführung bricht.
Diese Symbiose ist das Herzstück seiner Arbeit. Er malt nicht einfach nur Figuren oder Landschaften; Er inszeniert sie.
Sein Ausgangspunkt ist stets der Mensch und dessen Beziehung zum ihn umgebenden Raum.
In seinem aktuellen Schaffen, zeigt Daniel Sommergruber, wie zeitgemäß die Auseinandersetzung mit Raum und Figur bleibt.
Er nutzt den Raum als Bühne und überschreitet die Grenze zwischen Realität und Inszenierung. So transformiert er die Leinwand in einen Raum, in dem das menschliche Sein nicht nur abgebildet, sondern unter den Scheinwerfern der Malerei neu verhandelt wird.
1. Die grundlegende Frage, die sich der Künstler stellt ist: Wie verändert eine Figur den Raum?
Seine Antwort liegt in der Erkenntnis, dass eine Figur durch ihre bloße Präsenz und Aura die Statik eines Raumes bricht. Im Theater verändert der Schauspieler das Bühnenbild; in der Malerei ist es die Figur, die den Raum erst „lesbar“ macht.
2. Zum Fundament: Die Bühne als Bildraum.
Daniel Sommergruber ist ein Künstler, der den Raum nicht als statische Fläche, sondern als dynamische Bühne begreift. Seine Bilder sind oft wie „psychologische Guckkästen“ aufgebaut: Figuren werden präzise in geometrischen oder atmosphärischen Räumen platziert, die eine spürbare narrative Spannung erzeugen.
Für Daniel Sommergruber ist der Raum kein Hintergrund, sondern ein aktiver Mitspieler.
Seine Sujets entstammen oft „visuellen Fundstücken“ aus Fotografien, Fotobänden, Theaterstücken, Magazinen oder Tageszeitungen, die er malerisch transformiert und in neue, fiktive Kontexte setzt.
3. Der malerische Stil der figurativen Abstraktion mittels Körperlichkeit und Raum.
Zur Materialität.
Sommergrubers Stil ist eine Symbiose aus konstruktiver Strenge und expressivem Gestus.
Ähnlich wie in der Bühnengestaltung spielt die Textur eine zentrale Rolle. Er kombiniert verschiedene Techniken, um Schichten zu schaffen, die dem Bild eine physische Greifbarkeit verleihen. Daniel arbeitet häufig mit Mischtechniken, die Ölfarbe, Leimfarbe, Acryl und Tusche kombinieren. Diese Schichtung erzeugt eine viszerale Tiefe, die an die Materialität von Theaterrequisiten erinnert.
4. Die Raumwahrnehmung vom Guckkasten zur Leinwand.
Wir als Betrachter nehmen den Raum in Sommergrubers Bildern nicht als leere Fläche wahr, sondern als geladenes Feld, in dem jeden Moment eine Handlung beginnen könnte.
Dazu spricht die jeweilige Körpersemantik zu uns anstatt von Mimik, aufgrund der Auflösung des Gesichts. Es geht ihm also um die Dechiffrierung des Menschlichen jenseits der Mimik.
Zur Lesbarkeit der Pose ist die Körperhaltung eine Emotionsquelle: Emotionen werden hier nicht über das Gesicht transportiert – denn dieses ist als Spezifikum unscharf aufgelöst. Emotionen werden stattdessen durch Körperhaltungen und Positionen im Raum ausgedrückt.
Ein gebeugter Rücken, eine knieende Figur, eine diagonale Neigung, eine legere Sitzpose oder die Platzierung im Bildwinkel erzählen die Geschichte von Isolation, Erwartung oder Melancholie.
Das Interessante für Daniel ist hierbei das malerische Experiment: Wie weit kann die Auflösung gehen, bevor die Präsenz schwindet?
Die Emotion wird also über die physische Verortung im Raum gelesen – eine direkte Parallele „im malerischen Output zum Input der Bühne“, (wie ich es formulieren würde.)
5. Zu den künstlerischen Vorbildern. Die konstruierte Stille.
Eine wesentliche Inspirationsquelle für Daniels Raumauffassung ist auch der amerikanische Fotograf Gregory Crewdson, der eine tiefenwirksame, fast hyperreale Lichtregie in seinen Werken präsentiert. Crewdson ist bekannt für seine filmreifen Inszenierungen, in denen er unzählige Ebenen gleichzeitig beleuchtet. Daniel überträgt dieses Prinzip auf die Leinwand.
Wie Crewdson schafft auch Daniel Bilder, die technisch hochkomplex und konzeptionell durchdacht sind, aber eine „unheimliche“ Stille ausstrahlen.
Der Raum wird bei beiden Künstlern zu einem narrativen Akteur, der durch präzise gesetzte visuelle Ebenen Tiefe erhält.
Zeitgenössische Vergleiche. Die Ahnenreihe der Inspiration.
Um Daniel Sommergrubers Position in der aktuellen Kunstlandschaft zu verorten, lassen sich Parallelen zu anderen Künstlern ziehen, die ebenfalls an der Schnittstelle von Raum, Figur und Erzählung arbeiten:
Sommergruber verknüpft in seinem Stil die Ansätze seiner großen Vorbilder zu etwas völlig Neuem:
• Francis Bacon: Von ihm übernimmt er die Idee der Isolation der Figur im Raum, verzichtet aber auf Bacons existenzielles Grauen. Bacons Werke sind eine Eruption; Sommergrubers Bilder sind eine Komposition. Bei Daniel Sommergruber ist die Auflösung des Gesichts kein Schrei, sondern ein malerischer Rückzug. Eine Deformierung zugunsten der Körpersprache.
• Lucian Freud: Er teilt Freuds Liebe zur fleischlichen Materialität, doch Sommergruber nutzt die Farbe eher, um die Figur in den Raum einzubinden, und besonders zu betonen (teilweise auch in knalligen, poppigen oder Neonfarben) statt sie als reines Objekt zu sezieren. Er übernimmt die haptische Qualität der Farbschichten. Und er stellt den Körper in einen bühnenhaften Kontext als ihn im kargen Atelier zu isolieren.
• Neo Rauch: Die traumartige Anordnung der Figuren erinnert an Rauch, doch Sommergruber bleibt fokussierter auf die unmittelbare räumliche Wirkung konzentriert.
• Maria Lassnig: Lassnigs „Body-Awareness“ findet sich in der Weise wieder, wie Sommergruber Emotionen durch die Körpersemantik physisch spürbar macht, selbst wenn das Gesicht im Ungefähren und Unscharfen bleibt.
6. Kein Drama in Daniel Sommergrubers Dramaturgie der Motivik.
Während große Vorbilder wie Francis Bacon das existenzielle Drama bis zur Schmerzgrenze ausreizen, zeichnet sich Daniel Sommergrubers Dramaturgie der Motivik durch eine bemerkenswerte Abwesenheit von explizitem Drama aus. Es sind eher Orte der szenischen Befragung und stillen Dramatik. Es ist eine Einladung zum Schauen, ohne die Last einer vorgegebenen Tragödie.
Daniel wählt den Moment des Innehaltens. Seine Figuren agieren nicht; sie sind einfach. Es ist eine Dramaturgie der Präsenz, nicht der Handlung. Eine Dramaturgie ohne Drama.
Die Motivik spiegelt das Antidrama: Die Szenen wirken wie ein Standbild (Freeze-Frame) einer Inszenierung, in der der Höhepunkt bereits vorbei ist oder noch bevorsteht.
Diese Leere erzeugt eine eigentümliche Spannung, die ohne Pathos auskommt.
7. Der "Output" der Bühne: Malerei als Verdichtung
Für Sommergruber ist die Bühne der Ort der flüchtigen Bewegung und des temporären Raums. Die Malerei hingegen ist der Ort, an dem dieser "Input" – z.B. die visuelle Wucht einer Inszenierung, die Lichtstimmung oder die räumliche Anordnung – fixiert wird. Und dabei greift er auf ein Archiv aus Theatermomenten und Fotografien zurück, die er malerisch transformiert.
Während Daniel auf der Bühne Räume baut, in denen sich Menschen physisch bewegen, nutzt er die Leinwand, um die Essenz dieser Bewegung einzufrieren. Vom 3D zum 2D.
Die Malerei bei Daniel Sommergruber ist der Output von dem Input der Bühne und diese Beobachtung trifft den Kern seiner künstlerischen Identität: Seine Malerei ist kein vom Theater getrennter Prozess, sondern die konsequente Destillation seiner szenografischen Arbeit.
Fazit
Daniel Sommergruber nutzt die „figurative Räumlichkeit“, um uns als Betrachterinnen und Betrachter in eine Welt zu ziehen, die trotz ihrer malerischen Offenheit eine enorme psychologische Dichte besitzt.
Es ist eine Malerei, die uns die Möglichkeit gibt, hinter den Vorhang der bloßen Abbildung zu blicken und die Geschichte dahinter selbst zu Ende zu denken.
Der Künstler gibt uns keine Interpretation vor.
Er zeigt uns, dass der Raum, in dem wir uns bewegen, immer auch ein Spiegel unserer inneren Verfassung ist.
Statement für Presse:
Daniel Sommergruber ist ein Regisseur der Leinwand. Er nutzt den „Input der Bühne“, die Licht-Komplexität eines Crewdson und die materielle Wucht eines Freud, um Räume zu schaffen, in denen der Mensch – auch ohne erkennbares Gesicht – zur stärksten erzählerischen Kraft wird. Seine Malerei ist ein Plädoyer für die Wahrnehmung der Aura, einer Präsenz, die entsteht, wenn ein Körper den Raum für sich beansprucht. Das ist sein persönlicher unverkennbarer malerischer Output.
Daniel Sommergrubers Malerei ist eine Einladung, das Menschliche neu zu lesen. Wenn das Gesicht verblasst, beginnt der Körper zu sprechen. Der Raum wird zur Bühne einer stillen Dramaturgie, in der jede Haltung eine Welt für sich ist.
